Als Blackout Poet*in begibst du dich auf die Suche nach verstecken Versen. Du liest zwischen den Zeilen und entdeckst eine neue Bedeutung, ja vielleicht sogar eine versteckte Botschaft in einem Text. Alles, was du brauchst, ist ein Text und ein schwarzer Marker und in wenigen Strichen entsteht dabei ein Blackout Poem – eine kreative Schreibübung und Lockerungsübung, die vieles miteinander vereint: Das Spielen mit Worten und die entspannende Wirkung des Ausmalens und das erfüllende Gefühl, ein Gedicht in den Händen zu halten.
Was ist Blackout Poetry?
Ein Blackout Poem entsteht, wenn du alle Wörter eines Textes mit einem Marker schwärzt und nur diejenigen übrig lässt, die du für deinen neuen Text brauchst. Zusammen formen der neue und der geschwärzte Text ein visuelles Gedicht.
Die Idee, Texte in anderen Texten zu finden, hat eine lange Tradition. Bei der Cut-Up-Technik beispielsweise werden Wörter aus der Zeitung ausgeschnitten und zu einem neuen Text zusammengepuzzelt. Diese Ausdrucksform nennt sich Appropriation Art, also die Kunst, sich etwas Fremdes anzueignen, einen Künstler zu kopieren, sich von ihm inspirieren zu lassen, mit seinem Material zu beschäftigen.
Ein Verfechter der Newspaper Blackout Poems ist Austin Kleon. Begonnen hat er damit, während einer Schreibblockade. Als ihm die Worte gefehlt haben, hat er sich die Wörter anderer ausgeliehen. Seit 2005 schwärzt er Zeitungen und hat seine Blackout Poems in die digitale Welt gebracht. Seit Instagram und Pinterest ist es so leicht wie noch nie, seine Werke online zu teilen.
So entsteht ein Blackout Poem – eine Anleitung
Ein Blackout Poem lässt sich in drei Schritten erstellen:
Nimm dir eine Seite Text und einen schwarzen Edding. Als Textmaterial eignen sich Romane, Kurzgeschichten, Zeitungen und Magazine. Du kannst auf Kopien, direkt im Buch oder auf herausgetrennten Seiten schwärzen. Ich bevorzuge die Upcycle-Variante und nehme die Bücher aus Offenen Bücherschränken und trenne die Seiten heraus.
Überfliege den Text und achte auf die Wörter, die dir ins Auge springen oder schön klingen. Überlege dir, welches Thema dahinter steckt und die Worte verbindet. Hast du ein Thema gefunden, solltest du den Text erneut nach passenden Worten absuchen. Wie gut die Wörter zusammenpassen, testest du am besten, indem du die Wörter mit Bleistift unterstreichst, umrandest oder umkreist.
Jetzt ist es soweit: Schwärze alle Wörter, die nicht zu deinem neuen Text gehören. Möchtest du die Seite zusätzlich kunstvoll gestalten, kannst du die Form des Gedichts auf das Thema abstimmen und zum Beispiel eine Uhr, eine Weltkugel, einen Fluss zeichnen oder deine Streichmethode (Punkte, Striche, Wellen) daran anpassen.
So sieht ein fertiges Gedicht aus:
Zauber Sterne umtanzten funkelnd den Mond von Zeit zu Zeit
Tatsächlich ist es so einfach wie es klingt, denn es gibt keinen falschen Weg, ein Blackout Poem zu erstellen. In meinem Beispiel habe ich goldene Acrylfarbe verwendet. Damit du nicht wie ich, die Worte, die stehen bleiben sollen, knapp oder versehentlich übermalst, solltest du sie vorher mit Korrekturband abkleben.
Du wirst allerdings feststellen, dass nicht jede Seite funktioniert. Der Wortschatz auf einer Seite ist vorgegeben und damit begrenzt. Mit Krimis und Dialogen habe ich zum Beispiel keine guten Erfahrungen gemacht. Bevor ich ein Buch zum Blackout Book erkläre, lese ich mehrere Seiten quer, um zu prüfen, ob Thema und Sprache für mich stimmen. Manchmal hilft es, die Seite umzudrehen, doch wenn auch die Rückseite nichts hergibt, solltest du es mit einem neuen Text versuchen.
Eine eigene Handschrift entwickeln
Mit der Zeit wirst du deine eigene Handschrift für die Gedichte finden. Experimentiere mit Material, Stiften (zum Beispiel Filzsstifen, Buntstiften, Wasserfarben, Aquarellkreide, Acrylfarbe) und variiere in Farben und Formen. Hierzulande ist Dirk von Mentalreserven bekannt für seine sogenannten Textverdunkelungen. Auf Twitter veröffentlicht er sie regelmäßig und sie tragen seinen eigenen, wiedererkennbaren Stil.
Mit Blackout Poetry gegen Perfektionismus
Ein Blackout Poem ist in weniger als 15 Minuten erstellt und damit sehr gut geeignet als eine Übung für Zwischendurch oder zum Aufwärmen. Es ist außerdem eine tolle Kreativübung für Gruppen und Workshops. Sehr schnell hältst du das Ergebnis in deinen Händen und siehst den Erfolg.
Nebenbei ist es eine gute Übung gegen Perfektionismus, denn sobald du alles geschwärzt hast, ist das Gedicht fertig. Es gibt nichts mehr, was du verbessern oder austauschen kannst. Es kommt nicht darauf an, wie akkurat du mit dem Marker streichst. Letztendlich ist ein Blackout Poem ein Produkt des Zufalls aus den Wörtern, die auf einer zufällig ausgewählten Seite stehen und die dich genau in diesem Moment angesprochen haben.
Das Blackout Book als Schreibprojekt
Hast du einmal ein Blackout Poem erstellt, wird es selten bei einem bleiben. Die Schwarzmalerei ist ansteckend und eignet sich wunderbar für eine Reihe. Das können Gedichte sein, die visuell ähnlich gestaltet sind, oder ähnliche Themen behandeln. Es können zudem alles Gedichte aus dem Material einer Autorin oder eines Autor sein.
Kauf dir dafür dein Lieblingsbuch oder das Buch eines deiner literarischen Vorbilder noch einmal, zum Beispiel gebraucht oder in einer anderen Ausgabe und arbeite es Seite für Seite mit Blackout Poems durch. Auf diese Weise beschäftigst du dich mit einem anderen Schreibstil und jonglierst mit Worten – was je nach Material deinen Wortschatz erweitern kann. Gerade wenn du viel auf der Tastatur schreibst, ist das analoge und haptische Arbeiten eine tolle Abwechslung.
Was tun mit dem fertigen Gedicht? – Teilen!
Auf keinen Fall solltest du es in der Schublade verstecken. Teile es mit anderen über Social-Media-Kanäle wie Twitter, Pinterest oder Instagram. Blackout Poems sind außerdem schöne Geschenke. Hat dich ein Wort an einen Freund erinnert, dann mach ihm eine Freude und schicke ihm das Gedicht oder rahme es ein und schenke es ihm.
Ideen, Beispiele und Inspiration für Blackout Poetry
Auf Pinterest, Twitter und Instagram wirst du alleine durch den Suchbegriff Blackout Poetry mit Ideen und Vorlagen überflutet. Auf Twitter findest du deutsche Poesie unter #verstvers. Das steht für die versteckten Verse, die wir in einem Text finden. Etabliert und eingedeutscht hat den Begriff das A&O samt einer ausführlichen Anleitung für Blackout Poetry und das Finden versteckter Verse. Bei Instagram versammeln sich die Gedichte unter #blackoutpoetry #blackoutpoetrycommunity und #newspaperblackout.
Ideen und Inspiration für Blackout Poetry auf Pinterest
Diese Beispiele sind ansteckend und machen Lust, gleich selbst zum Text und Marker zu greifen. In diesem Sinne:
„Schreiben ist leicht. Man muss nur die falschen Wörter weglassen.“
Kennst du auch die Menschen, die lieber Nachrichten schreiben anstatt anzurufen? Die erst eine kurze Denkpause einlegen, bevor sie sprechen? Ich gehöre zu ihnen und kam erst vor wenigen Jahren dahinter, warum das so ist: Ich bin ein leiser Mensch – ich bin introvertiert.
Mit dem Schreiben habe ich mir zuerst intuitiv und dann ganz bewusst Inseln, Rückzugsorte und ein Denkwerkzeug geschaffen. Schreiben ist mein Weg, um in unserer lauten Welt zu bestehen. Und es ist kein Zufall, warum sich Introvertierte gerne schriftlich ausdrücken und unter ihnen einige Schriftsteller zu finden sind.
Was ist Introversion?
Introversion ist nur ein Ende einer Skala auf deren gegenüberliegenden Seite die Extraversion steht. Wir können im Laufe unseres Lebens und in unterschiedlichen Situationen verschiedene Positionen auf dieser Skala einnehmen. Wir alle kennen Bereiche, in denen wir uns extrovertiert oder introvertiert verhalten. Meist überwiegt die Neigung in eine Richtung. Wer beides zu gleichen Teilen in sich vereint, ist ambivertiert. Geschätzte 30-50 Prozent der Menschen weltweit sind introvertiert.
Die Begriffe introvertiert – nach innen gewandt und extrovertiert – nach außen gewandt gehen auf den Psychologen C. G. Jung zurück. Das wichtigste Merkmal der Persönlichkeitstypen ist, woher sie ihre Energie beziehen. Introvertierte neigen dazu, sich erschöpft zu fühlen, wenn sie viele Eindrücke zu verarbeiten und viele Menschen um sich herum haben. Um neue Kraft zu schöpfen, ziehen sie sich zurück und verbringen zum Beispiel einen ruhigen Abend mit einem Buch. Extrovertierte hingegen blühen in Gesellschaft auf und umgeben sich gerne mit vielen Menschen – daraus ziehen sie ihre Energie.
Ob wir eher intro- oder extrovertiert sind, ist eine Persönlichkeitsfrage und damit zu einem Teil Veranlagung. Introversion zeigt sich beispielsweise in der Ausstattung unseres Nervensystems. Sylvia Löhken, Expertin für introvertierte Menschen, erklärt es in ihrem Buch „Leise Menschen – gutes Leben“ wie folgt: „Intros haben ganz wörtlich ‚längere Leitungen‘ in ihren Hirnen, weswegen die Reize längere Strecken zurücklegen.“ Das heißt, wir verarbeiten Eindrücke langsamer und brauchen mehr Zeit zum Nachdenken.
Was es heißt, introvertiert zu sein
Freunde und Familie haben mich schon immer anders beschrieben als Lehrer oder Arbeitskollegen wenige Woche nach meinem ersten Arbeitstag. Wurde ich in der Schule eher übersehen, war ich in vertrauten Kreisen alles andere als leise. In Gruppen wiederum bin ich ruhiger und in Zweier-Gesprächen merkt man mir meine leise Art nicht mehr an.
Erst als ich einen Artikel über „outgoing introverts“, also introvertierte Menschen mit extrovertierten Merkmalen, gelesen habe, hatte ich endlich die Antworten, nach denen ich lange gesucht habe. Es tat so gut, zu lesen, dass mit mir alles in Ordnung ist. Seitdem kenne ich mich besser und weiß nun, wann ich mich in der Vergangenheit entgegen meines Naturells verhalten habe und ich deshalb an meine Grenzen gestoßen bin.
Warum schreiben gerade die leisen Menschen?
Introvertierte Menschen neigen dazu, verkopft zu sein und die Dinge immer wieder zu durchdenken. Dass gerade leise Menschen schreiben, ist ein Weg und manchmal auch eine Notwendigkeit, die Gedanken zu sortieren und abzustellen. Auf dem Papier, aus dem Kopf – das stelle ich bei mir immer wieder fest.
Weitere Gründe, wie das Schreiben introvertierten Menschen hilft:
Schreiben ist entschleunigte Kommunikation: Wir haben mehr Zeit, um über unsere Antwort nachzudenken.
Schreiben und Lesen sind einsame Tätigkeiten und Rückzugsorte, die uns helfen, Energie zu tanken.
Beim Alleinsein kommen wir eher auf neue Ideen. In einem Essay beschreibt Science-Fiction-Autor Isaac Asimov wie Isolation die Kreativität begünstigt.
Schreiben schafft Strukturen und lässt Ideen entstehen. Eine Methode, die beides miteinander verknüpft ist das Schreibdenken von Ulrike Scheuermann.
Introvertierte Schriftsteller
Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, unter Schriftstellerinnen Introvertierte zu finden. Es gibt lange Listen mit Autorinnen, die als introvertiert gelten, z. B. Franz Kafka, Joanne K. Rowling, Haruki Murakami, Emily Dickinson, Edgar Allan Poe, Virginia Woolf…
Schreiben als Stärke im Alltag nutzen
Ihr lieben, leisen Menschen, seid euch dem Schreiben als Stärke bewusst und bringt sie mehr in euren Alltag ein! Damit lässt sich manchmal sogar ausgleichen, was ihr an euch als – vermeintliche – Schwäche wahrnehmt.
Ich habe dem Schreiben deshalb viel Platz in meinem Leben eingeräumt. Durch schwierige Phasen und Entscheidungsfindungen begleitet mich mein Journal, jeden Abend reflektiere ich den Tag in meinem Tagebuch. Meine Arbeit organisiere ich mit Unmengen Notizen – auf Papier und digital. Wichtige Termine bereite ich schriftlich vor, damit mir nicht die Worte fehlen. Im Kundenkontakt setze ich E-Mails gezielt ein – und meine Art, die Dinge fundiert darzustellen und auf den Punkt zu bringen, wird dabei sehr geschätzt.
Mit Freunden kommuniziere ich schriftlich und auch das hat, je nachdem wie lang die Nachrichten werden, etwas sehr Ordnendes für mich. Und ja, auch ich weiß, dass man mit einem Anruf manchmal schneller ans Ziel kommt – und dann rufe ich an, aber nicht ohne mir vorher Notizen zu machen (zumindest wenn es geschäftliche Anrufe sind).
Introvertiert oder extrovertiert?
Mit diesem Online-Test von Sylvia Löhken findest du heraus, ob du eher introvertiert oder extrovertiert bist. Wozu neigst du und wie hilft dir das Schreiben dabei? Wann ist es vielleicht sogar eine Hürde?
Quellen und weiterführende Literatur
Löhken, Sylvia (2017): Leise Menschen – gutes Leben. Das Entwicklungsbuch für introvertierte Persönlichkeiten. Offenbach: GABAL
Scheuermann, Ulrike (2012): Schreibdenken. Schreiben als Denk- und Lernwerkzeug nutzen und vermitteln. Stuttgart: UTB.
Creative Writing (dt.: Kreatives Schreiben) blickt in den USA auf eine lange Tradition zurück. Seit mehr als 100 Jahren wird die Kunst des Schreibens dort an Universitäten unterrichtet. Doch was geschieht hinter den verschlossenen Türen der Workshops? Und wie unterscheiden sie sich von Kursen im Kreativen Schreiben im deutschsprachigen Raum?
Was ist Creative Writing?
Die eine Definition von Creative Writing gibt es nicht. Wikipedia definiert es allgemein zutreffend: “Kreatives Schreiben ist eine Bezeichnung für Schreibansätze, die davon ausgehen, dass Schreiben ein kreativ-sprachlicher Prozess ist, zu dem jeder Mensch methodisch angeleitet werden kann.”
Creative Writing im amerikanischen Verständnis ist auf das Lernen von Techniken des literarischen Schreibens ausgelegt. Kreatives Schreiben entstand in Deutschland während der Schreibbewegung der 1970er Jahre. Hier stand Schreiben als Selbsterfahrung im Vordergrund, doch hat sich mit der Zeit für Theorie, Methodik und Didaktik geöffnet. “Der Schreibbewegung war dabei klar, dass Kreatives Schreiben als Unterhaltung, Selbstverständigung, Selbsttherapie ebenso nützlich ist, wie zur Aneignung von Schreib-Handwerkszeug”, so Schreiblehrer Lutz von Werder(1).
In Schreibkursen, Werkstätten und Workshops an der vhs oder bei privaten Anbietern findet sich hierzulande eine Mischung aus beidem: Übungen, die zum Schreiben anregen und Schreibhandwerk, das vermittelt wird.
Wie wird Creative Writing in den USA gelehrt?
Programme zum Creative Writing gibt es in den USA an fast allen Universitäten. Meist unterrichten es Schriftsteller. Mit 16 Zeitschriften zum Kreativen Schreiben und über 350 Studiengänge hat die USA ein vielfältiges Angebot und eine ausgeprägte Schreibforschung(1).
Der bekannteste Studiengang ist der Iowa’s Writers Workshop an der State University of Iowa. Gegründet 1936 war er der erste Kurs seiner Art, den man mit einem Uni-Abschluss verlassen kann, dem Master of Fine Arts. Dieser Workshop wurde zum Modell für viele weitere Kurse und Master-Programme.
Ein Blick auf die Webseiten der Universitäten, in die Vorlesungsverzeichnisse und Erfahrungsberichte der Teilnehmer verrät, dass die Workshops folgende Methoden gemeinsam haben:
Lesen, lesen, lesen
Produktive Auseinandersetzung mit Literatur
Austausch und Kritik in der Gruppe
…und natürlich: Schreiben
Aus der Literatur lernen
Creative Writing ist in den USA entstanden, um die Literaturwissenschaft um einen Praxisbezug zu ergänzen(2). Daher ist die Auseinandersetzung mit Literatur und die Entstehung eines Textes ein wichtiger Baustein, um das literarische Schreiben zu vermitteln.
Denk einmal daran, wie Schriftsteller früher ohne Kurse ihr Handwerk erlernt haben. Sie haben ihre Vorbilder imitiert und mit ihren Texten auf bestehende Literatur geantwortet.
Die wichtigsten Lektionen für das eigene Schreiben lernst du in der Lektüre anderer Autoren. Schau dir die Passagen an, die du brauchst, um dein eigenes Schreiben weiterzuentwickeln, z. B. wie Anfang und Ende gestaltet sind, wie ein bestimmter Erzählton erzeugt wird, wann welche Erzählperspektive gewählt wird, wie Dialoge, Rückblenden etc. geschrieben sind.
Mit der Hilfe von Literaturlisten und einer reader’s response kannst du Bücher gezielt unter bestimmten Schwerpunkten lesen.
Literaturlisten und Leselisten
Jeder Creative-Writing-Studiengang hat seine eigenen Literaturlisten mit Romanen, Gedichten und Kurzgeschichten, die die Student*innen während des Semesters lesen. Hierzulande geben Zeitungen regelmäßig Leselisten heraus (z. B. die SZ-Bibliothek der Süddeutschen Zeitung, Klassiker der Weltliteratur oder einfach Bücher, die man gelesen haben muss) und nahezu jedes Germanistik-Institut hat seine eigene Liste online gestellt.
Tipp: Erstelle eine persönliche Leseliste, die auf deine Schreibziele und dein Genre abgestimmt ist. Sie sollte eine gute Mischung aus Klassikern und zeitgenössischen Titeln enthalten.
Reader’s Response
Jesse Falzoi erzählt in ihrem Schreibratgeber Creative Writing davon, dass sie während ihres Master-Programms zu jedem gelesenen Text eine reader’s response geschrieben hat. Das ist die Antwort eines Lesers auf einen Text, um herauszufinden “was ich für mein eigenes Schreiben lernen konnte” so Falzoi(3).
Eine solche Antwort reflektiert die Leseerfahrung: Wie wirkt der Text und was macht er mit mir als Leser? Und warum? Inwiefern spielt meine eigene Erfahrungen beim Lesen des Textes eine Rolle? Welche Erwartungen habe ich an den Text, wurden sie erfüllt oder in eine andere Richtung gelenkt. Wo hat mich der Text überrascht?
Woche für Woche erhalten die Student*innen die Aufgabe, Texte zu lesen und selbst zu schreiben. In jeder Sitzung steht ein anderer Text eines Teilnehmers im Mittelpunkt, den die Gruppe unter die Lupe nimmt. Sie diskutieren Inhalt, Handwerk, Wortwahl, Sprache, Form, Anspruch, Wirkung und die Frage: Funktioniert der Text? Der Verfasser darf sich erst zum Schluss zur Kritik äußern.
Tipp: Diese Form der Textarbeit und Textkritik findet sich selten in Kreatives-Schreiben-Kursen. Bist du Teil einer Schreibgruppe? Dann probiert es aus, schickt euch gegenseitig eure Texte, verseht sie mit Kommentaren und besprecht sie gemeinsam. Verständigt euch zuvor darauf, welche Maßstäbe ihr an einen Texte anlegt.
Welche Erfahrung hast du gemacht?
Wie verbesserst du dein Schreiben? Besuchst du regelmäßig Kurse? Schreib es mir gerne in die Kommentare.
Quellen und weiterführende Literatur
1 Hansen, Jan-Christian (2015): Das Dilemma des Schreibunterrichts in Deutschland: Wenn für Schreiben im Deutschunterricht kein Platz ist. disserta Verlag: Hamburg. 2 von Werder, Lutz (2013): Lehrbuch des Kreativen Schreibens. marixverlag: Wiesbaden. 3 Falzoi, Jesse (2017): Creative Writing: Texte und Bücher schreiben. Der neue Kreativ-Schreiben-Kurs in sechzehn Lektionen. Autorenhaus: Berlin.
Vielleicht kennst du es auch noch: Das Warten auf die versprochene Urlaubskarte als du noch ein Kind warst? Oft hast du vergeblich in den Briefkasten getastet. Doch irgendwann war sie dann da, war wochenlang unterwegs und ist viel später angekommen als die Reisenden.
Darauf zu lesen: Die üblichen Angaben zum Wetter, dem Essen und die Aneinanderreihung von Ausflugszielen. Das geht besser und lässt sich üben mit einer literarischen Postkarte*. Eine Reisegeschichte im Miniaturformat sozusagen.
Solche Geschichten leben von der Beobachtung, der du zum Beispiel auf öffentlichen und belebten Plätzen nachgehen kannst. Sie halten einen Moment fest, zeigen Figuren, die du nicht kennst, aber über die du Annahmen treffen kannst. Sie transportieren Atmosphäre und entdecken vielleicht sogar das Vertraute in der Fremde des Reiselands.
In drei Schritten zur Postkartengeschichte
1. Postkarte: Kaufe sie direkt auf Reisen und wähle das Motiv sorgfältig aus. Der Text kann gerne in Beziehung oder in Spannung zum Bild stehen. Von zu Hause aus funktioniert es auch: Sicher findest du einige Urlaubskarten in der Schublade oder schaust einmal nach Kartenständern in deiner Stadt.
2. Sammeln: Notiere unterwegs kurze Szenen, Beschreibungen von Figuren und Orten, Ortsnamen, Dialogfetzen, spontane Empfindungen und fotografiere, um dich besser zu erinnern.
3. Sortieren und schreiben: Schreibe die Geschichte direkt auf der Reise oder erst später zu Hause, wenn sich die Eindrücke gesetzt haben.
Auf Straßenmärkten zu finden: Postkarten und Kunstwerke.
Beispiele für Themen und Szenen
Die Straßenkünstlerin, die Postkarten mit Aquarellfarben malt.
Die Französin, die neben dir am Frühstückstisch sitzt und ihre Brötchenhälfte auseinanderzupft, sie zuerst mit dem Messer mit Butter bestreicht und dann mit einem kleinen Löffel die Marmelade darauf verteilt.
Der Regen, der dich beim Spaziergang durch die Altstadt überrascht und wie die Menschen um dich herum improvisierte Schirme über ihre Köpfe halten.
Schreibprojekt: Postkartengeschichten
Aus Postkarten lässt sich prima ein Schreibprojekt machen, das dich auf jeder Reise begleitet. Von jeder Reise bringst du dir selbst eine Postkarte mit und beschreibst die Karte vor Ort oder zu Hause mit einer Geschichte. Oder du schreibst an jedem Tag deiner Reise eine neue Geschichte. So erstellst du eine Fortsetzungserzählung auf Ansichtskarten.
Lesetipp: Im Erzählband Wir haben Raketen geangelt erzählt Karen Köhler die Geschichte „Polarkreis“ mittels Ansichtskarten, die der Postkartenschreiber an ein Du verschickt.
*Angeregt zu dieser Schreibübung hat mich Hanns-Josef Ortheils Ratgeber Schreiben auf Reisen.
Kurzgeschichten haben es nicht leicht bei den Leser*innen. Allzu oft ziehen sie den Roman vor. Doch warum eigentlich? Scheinen Kurzgeschichten doch die Antwort auf den hektischen Alltag, die wenige Zeit und das Lesen für zwischendurch zu sein.
Kurzgeschichten sind kein Literatursnack
Die Textlänge steckt den Kurzgeschichten bereits im Namen: Sie sind kurz. Was auf den ersten Blick schnell zu lesen scheint, ist im gleichen Atemzug ihre größte Herausforderung: Komprimiert auf wenigen Seiten muss der Leser aufmerksam sein.
Man sagt, die Kurzgeschichte ist für den Leser und den Autor gleichermaßen anstrengend. Die Texte sind atmosphärisch dicht geschrieben und enthalten Leerstellen. Für den Leser bedeutet es, dass er mehr zwischen den Zeilen lesen muss.
Wenn Leser*innen keine Kurzgeschichten mögen, dann antworten sie, dass es ihnen schwer fällt, sich in der kurzen Zeit auf die Geschichte einzulassen. Sind sie dann eingetaucht, ist die Geschichte schon zu Ende. Sie müssen die Figuren ziehen lassen und sich mit einem oftmals offenen Ende zufrieden geben.
Kurzgeschichten unterwegs lesen
Als Antwort auf unsere gestiegene Smartphone-Nutzung gehen manche Verlage neue Wege. Voland & Quist zum Beispiel mit der App A Story A Day Die Idee: Jeden Tag gibt es eine neue Kurzgeschichte aufs Smartphone – bezahlt wird per Monats-Abo.
Inzwischen steht auf der Verlagsseite, dass sie die App nach vier Jahren einstellen mussten. Das Interesse war nicht so groß wie erhofft und die Kurzgeschichten gingen ihnen aus. Im Google Playstore kommentierte eine Leserin, dass sie keine Zeit mehr dafür hätte. Keine Zeit zu haben – das ist bezeichnend für unsere Zeit und macht es der Kurzgeschichte schwer.
Natürlich es gibt weitere (digitale) Angebote für die kurzen Lesemomente: Die Reihe Textlicht von Edition Atelier oder Texte aus dem Verlag mikrotext. Doch so sehr die Idee auch einleuchtet, Kurzgeschichten zwischendurch, unterwegs in der Straßenbahn oder im Wartezimmer zu lesen, so wenig scheint sie in den Alltag zu passen. Denn mal ehrlich: Zücken wir während Wartezeiten nicht eher das Smartphone für Messenger, Mails und Musik?
Zeit für Kurzgeschichten nehmen
Unser Zeit- und Weltempfinden entscheidet darüber, ob wir gerade lieber einen Roman oder Kurzgeschichten lesen. So hat es bereits Marcel Reich-Ranicki in der FAZ (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11.02.2007, Nr. 6 / Seite 28) beschrieben:
Je schneller und hastiger unser Alltag, desto stärker unser Bedürfnis nach Ruhe, je spürbarer die Unsicherheit, desto heftiger die Sehnsucht nach Entspannung und Entrückung, nach Schutz, nach, altmodisch ausgedrückt, Geborgenheit. Dies jedoch beeinträchtigt im selben Maße die Erfolgschancen der Kurzgeschichte, wie es diejenigen des Romans begünstigt.
Sein Fazit lautet:
Wer es eilig hat, greife zu Romanen. Für Kurzgeschichten muss man Zeit haben.
Serielles Erzählen ist im Trend
Während wir immer weniger Zeit zum Lesen haben, sind mehrbändige Fantasyromane beliebter denn je. Was wie ein Widerspruch klingt, lässt sich mit dem Bedürfnis nach Rückzug erklären. In Romanen können es sich die Leser*innen bequem machen, den Fortsetzungen entgegen fiebern, die Figuren wachsen sehen und immer wieder in die vertraute Szenerie zurückkehren. Es ist das gleiche Bedürfnis, das die Serien der Video-Streaming-Anbieter bedienen. Was kann die Kurzgeschichte dagegen halten?
Die Kurzgeschichte belohnt den aufmerksamen Leser
Obwohl sie so kurz ist, lässt sich die Kurzgeschichte nicht weglesen wie einen Roman. Zwischen den Geschichten in einem Band brauchen wir einen Moment zum Durchatmen. Die Kurzgeschichte bietet im Tausch gegen unsere Zeit: Ein langsames Lesen, kein konsumieren. Ein aufmerksames Lesen und keine durchgelesenen Nächte oder verpasste Stationen in der Straßenbahn. Ihr Platz ist der Nachttisch, auf dem sie lange herum liegt, und nicht die Tasche für unterwegs.
Die Kurzgeschichte belohnt uns mit einem Moment, der in uns nachhallt. Ein Gedanke, der zum Weiterdenken anregt, nachdem wir die Geschichte zu Ende gelesen haben. Sie belohnt uns mit neuen Autoren, die wir in einer Anthologie entdecken oder mit dem Romanautoren, den wir in seinen Kurzgeschichten von einer anderen Seite lesen.
Was ist mir dir: Liest du gerne Kurzgeschichten?
Zu welchen Literaturformaten greifst du, wenn du wenig Zeit zum Lesen hast?
Als Schreibpädagogin zeige ich dir, wie du die Kraft des Schreibens nutzt, um dich selbst Seite für Seite zu entdecken und besser zu verstehen. Auf Stille Seiten findest du Schreibimpulse und Reflexionsfragen für dein Tagebuch, deine persönlichen Texte oder deine Journaling-Routine.