von Ann-Christin | 16. Juni 2019 | Impulse
Für einen ersten Eindruck gibt es keine zweite Chance. Was im Leben gilt, gilt auch in Geschichten. Wenn der erste Satz nicht dafür sorgt, dass unsere Leser den zweiten Satz lesen wollen, haben wir sie verloren. Es gibt verschiedene Wege, um eine Geschichte zu beginnen und den Leser in die Geschichte zu ziehen.
Ein erster Satz ist ein Türöffner und muss ziemlich viel können: interessant soll er sein, spannend, den Ton der Geschichte anklingen lassen, Erwartungen wecken (die später auch eingelöst werden sollen), die Figur und die Handlung einführen. Einen guten Anfang zu schreiben, braucht Übung und entsteht selten im ersten Entwurf. Eine Formel oder ein allgemeingültiges Muster gibt es nicht. Inspiration für erste Sätze und Geschichtenanfänge finden wir daher in der Literatur.
Wie beginnt man eine Geschichte?
Ein guter Anfang gibt dem Leser ein Gefühl für die Geschichte, er lernt die Hauptfigur(en) und das Setting kennen.
Aus dem ersten Satz oder Absatz lässt sich mindestens Folgendes ablesen:
- Erzählperspektive
- Zeitform
- Hauptfigur
Darüber hinaus erfüllt der Beginn einer Geschichte weitere Funktionen:
- Atmosphäre, Ort und Zeit beschreiben
- Thema der Geschichte benennen
- Konflikt andeuten
- Erzählstimme anklingen lassen
- Erwartungen wecken
Alles davon in den ersten Sätzen unterzubringen, würde sie überfrachten. Ein Anfang bewegt sich Satz für Satz in einem Wechselspiel aus Fragen und Antworten. Er gibt gerade so viele Informationen preis, wie im Moment für das Verständnis nötig sind und streut nach und nach weitere Informationen ein, ohne die zunächst Fragen beim Leser entstehen.
Der richtige Moment für den Einstieg
Wann ist der richtige Moment, um in die Geschichte einzusteigen? Das hängt davon ab, wie die Geschichte und ihr Ende konzipiert sind. Ebenso von der Textsorte: In einer Kurzgeschichte fällt die Einleitung eher knapp aus und startet in der Regel in medias res. Generell gilt, nicht zu früh und lieber etwas später in die Szene einzusteigen.
„Ab ovo“ (lateinisch „vom Ei an“)
Für den Zeitpunkt gibt es zum Beispiel diese Möglichkeiten:
Diese Erzählungen beginnen beim Ursprung. Sie starten beispielsweise mit der Vorgeschichte der Hauptfigur und erzählen ab da chronologisch.
„In medias res“ (lateinisch „mitten in die Sache hinein“)
Dieser Anfang fällt mit dem ersten Satz mit der Tür ins Haus. Die Geschichte beginnt mittendrin in einer spannenden Szene oder Handlung.
„In ultimas res“ (lateinisch „von den letzten Dingen an“)
In dieser Variante beginnt die Geschichte mit dem Ende – oder kurz davor. Danach setzt die Erzählung bei der vorangegangenen Handlung ein und zeichnet den Weg bis zum Ende nach und am Schluss schließt sich der Kreis.
Beispiele für Geschichtenanfänge
Ich habe mich durch die Leseproben verschiedenster Romane und Kurzgeschichten gelesen und die Satzanfänge in Kategorien unterteilt. Das ist übrigens mein Tipp an dich: Um ein Gespür für gute Anfänge zu bekommen, solltest du viele Anfänge lesen. Eine größere Auswahl als das heimische Bücherregal findest du in den Leseproben der Verlagsseiten oder Online-Shops.
Neun Wege, um Geschichten zu beginnen
1. Mit einem Dialog oder einer Frage
„Was hast du gesagt?“
„Ich habe gesagt, daß ich mit ihnen wegfahre. Es wird ihnen guttun, ein bißchen rauszukommen.“
„Und wann?“ Fragte meine Schwiegermutter.
„Jetzt.“
„Jetzt? Das meinst du nicht im Ernst.“
„Und ob.“
Anna Gavalda: Ich habe sie geliebt
2. Mit der Beschreibung der Umgebung / des Settings
Die Kerzenflamme und ihr im Wandspiegel gefangenes Ebenbild flackerten kurz auf, als er den Flur betrat; und noch einmal, als er die Tür schloss.
Cormac McCarthy: All die schönen Pferde
Die Luft in ihrem Zimmer roch abgestanden nach Zigaretten und Parfüm.
Anna Stothard: Pink Hotel
3. Mit einer allgemeingültigen Wahrheit
Unser Zeitalter ist dem Wesen nach tragisch, daher weigern wir uns, es tragisch zu nehmen.
D.H. Lawrence: Lady Chatterly
Es ist seltsam, dass man durch den größten Lärm hindurch ein ganz leises Geräusch hört, wenn man darauf gewartet hat.
Peter Stamm, Die Erwartung
4. Mitten in der Handlung
Vom Büro bis zum OP-Saal waren es genau fünfzig Schritte.
Jessica Schulte am Hülse: Verrat. Sieben Verbrechen an der Liebe
Sie sah den Brief. Und sie fand ihre Gefühle nicht. Er war tot, so stand es da. Einmal quer über den Briefumschlag, in großen roten Buchstaben: Gefallen für Großdeutschland.
Anne Gesthuyen: Wir sind doch Schwestern
Ich bin gerade sechs geworden, als Olof Palme erschossen wird.
Jonas T. Bengtsson: Wie keiner sonst
5. Mit einer Vorausdeutung
Es wird immer wahrscheinlicher, dass ich tatsächliche jene Reise unternehme, die meine Fantasie bereits seit einigen Tagen mit einer gewissen Ausschließlichkeit beschäftigt.
Kazuo Ishiguro: Was vom Tage übrig bleibt
6. Mit einer Erinnerung
Immer wenn ich an Maria denke, fällt mir ein Abend ein, an dem sie für uns gekocht hatte.
Peter Stamm: Passion
7. Mit dem Motiv der Geschichte
Ich träume vom Wasser, bis heute.
Susan Fletcher: Austernfischer
Ich bin einer von denen, die atmen. Ich muss mit der Musik atmen, ihr und mir Luft zuführen, damit sie nicht erstickt und ich auch nicht. Nicht jedes Stück braucht viel Luft, aber manche bringen mich völlig außer Atem.
Katharina Mevissen: Ich kann dich hören
Erst war es nur ein Wort. Das Wort, flink und wendig, überfiel mich, wie alle diese sechzehnn Wörter, aus dem Hinterhalt. Nie hatte ich es bisher geschafft, mich zu wehren, stets zwangen sie mir aufs Neue ihre Botschaft auf; da ist noch eine andere Sprache, deine Muttersprache, glaube ja nicht, die Sprache, die du sprichst, wäre deine Sprache.
Nava Ebrahimi: Sechzehn Wörter
8. Mit einem erzählerischem Anfang
Vom Juli seines zweiten Jahres an der Universität bis zum Januar des folgenden Jahres dachte Tsukuru Tazaki an nichts anderes als an den Tod.
Haruki Murakami: Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki
9. Mit etwas Ungewöhnlichem
Drei Männer sind nötig, um die Leiche aus dem Wasser zu ziehen.
Christine Mangan: Nacht über Tanger
Hier gibt es weitere Beispiele für schöne erste Sätze.
Vom ersten Satz zum ersten Absatz
Der erste Satz einer Erzählung oder eines Romans kann nicht alle Funktionen der Exposition auf einmal erfüllen. Dafür sind die weiteren Sätze und Absätze da.
Ein Beispiel:
Nun starrt sie auf das Meer hinaus.
So lautet der erste Satz aus Amy Sackvilles Roman Reise nach Orkney. Für den Leser zeichnet sich damit das Bild einer Frau am Meer ab. Die Erzählweise wirkt ruhig, nachdenklich. Die Frage, wer sie ist, was sie dort tut und wer hier erzählt, beantworten die weiteren Sätze:
Meine junge Frau. Eingewickelt in die lange, grüne Jacke, steht sie auf dem kahlen Strand, im Scherbengeröll aus Kieseln und Krebsen. Sie starrt hinaus, während das Wasser zu ihren Füßen kriecht und sich wieder zurückzieht, und wenn der sanfte, unermüdliche Sog der Gezeiten nah genug ist, um an ihren Zehen zu nuckeln, weicht sie einen Schritt zurück. Bald wird vom Strand nicht mehr viel übrig sein als ein schmaler Streifen Sand, und sie wird auf die Steine ausweiten müssen; dann kommt sie vielleicht zurück zu mir.
Unterdessen beobachte ich vom Fester aus, wie sie aufs Meer hinausstarrt.
Wohin, frage ich, soll ich dich nach der Hochzeit entführen? „Ans Meer“, antwortete sie. „Würdest du bitte mit mir ans Meer fahren?“
In den ersten Sätzen erfahren wir, dass es um den Ich-Erzähler und seine „junge Frau“ geht, die sich auf Hochzeitsreise befinden. Der Ort wird nicht erwähnt, deutet sich aber bereits im Titel des Romans an. Dass die Frau jung ist, ist eine wichtige Information, da sich im Verlauf zeigt, dass sie einen deutlich älteren Mann geheiratet hat.
Interessant an der Einleitung ist die räumliche Distanz: Er beobachtet sie von drinnen und hofft, dass sie zu ihm zurückkommt. Damit deutet sich eine emotionale Distanz an. Ebenso die Wortwahl ‚entführen‘ klingt sehr vieldeutig. Die Naturbeschreibungen wirken kühl und die Ebbe kann als eine Vorausdeutung ihrer Beziehung verstanden werden.
In diesem Anfang steckt bereits so viel Potenzial, eine interessante Konstellation, offene Fragen und eine eigentümliche Atmosphäre, die Erwartungen weckt und den Leser einnimmt.
Den Anfang zum Schluss schreiben
Die Ansprüche an einen ersten Satz sind hoch und führen häufig dazu, dass wir wie erstarrt vor dem leeren Blatt sitzen. Beginne deine Text ganz ohne Druck und in dem Wissen, dass du den Anfang jederzeit ändern kannst.
Viele Autor*innen überarbeiten den Anfang am Schluss, wenn das Ende der Geschichte feststeht. Dann überarbeiten und straffen sie die ersten Sätze und sorgen für den sprachlichen Feinschliff, etwa die Reihenfolge der Wörter solange umzustellen oder nach einem anderen Wort zu suchen, bis der Satz sitzt.
Das ist aus zwei Gründen sinnvoll: Einmal, um Anfang und Ende aufeinander abzustimmen. Zum anderen, um den richtigen Zeitpunkt zu finden, wann die Erzählung einsetzt. Bis wir uns in eine Geschichte eingeschrieben haben, brauchen wir ein paar Zeilen. Prüfe deshalb, ob du die ersten Zeilen streichen kannst und so aus einem späteren Satz dein erster werden kann.
Jedes Kapitel ist ein neuer Anfang
Denk daran: Mit jedem neuen Kapitel in einer Erzählung oder in einem Romans schreibst du einen neuen Anfang. Hierfür gilt das gleiche, was für Seite eins gilt: Ein Satz soll zum nächsten führen. Achte darauf, dass du die Satzanfänge der einzelnen Kapitel variierst und sie nicht alle nach dem gleichen Schema beginnen. Wie du Kapitel abwechslungsreich beginnst, hat Melanie von Storyanalyse ausführlich beschrieben.
Zu jedem Anfang gehört ein Ende. Meist deutet es sich bereits in den ersten Zeilen an. Im nächsten Monat liest du hier im Federschrift-Magazin, wie du das Ende einer Geschichte schreibst.
von Ann-Christin | 14. April 2019 | Routinen
Wenn du auf die Uhr blickst und nervös wirst, weil der Abgabetermin naht und dein Kopf streikt, weil er nicht unter Zeitdruck schreiben kann, dann ist dieser Text für dich. Atme erst einmal durch und lies in Ruhe weiter.
Im letzten Teil der Artikelserie Schreiben unter Druck verrate ich dir Tipps und Strategien, um bei Zeitdruck nicht kopflos zu schreiben, sondern den Text zielgerichtet und zügig aufs Papier zu bringen – und das noch bevor der Abgabetermin erreicht ist.
Die Ursachen von Schreiben unter Druck
Stehst du unter Zeitdruck, wirst du kaum Zeit haben, dich damit zu beschäftigen, wie du in diese Situation geraten bist. Spätestens wenn dein aktuelles Projekt gemeistert ist, solltest du dir anschauen, warum die Zeit überhaupt so knapp war. Wenn es immer wieder dieselben Gründe sind, kann es an deinen Arbeitsprozessen liegen.
Hast du…
- zu spät angefangen?
- rechtzeitig angefangen und bist dann auf dem Weg steckengeblieben?
- den Termin kurzfristig mitgeteilt bekommen?
- einen bestimmten Arbeitsschritt aufgeschoben?
- dich mit Kleinigkeiten aufgehalten, die deinen Text nicht voran bringen?
Wie auch immer du hineingeraten bist: Jetzt geht es darum, die Zeit zu nutzen, die dir bis zur Abgabe bleibt.
Arbeitsschritte bündeln und Zeitplan aufstellen
Auch wenn beim Schreiben manchmal alles gleichzeitig passiert, ist es nicht nur bei Zeitdruck wichtig, sich über die Schreibphasen bewusst zu werden. Die Phasen bis zum fertigen Text lassen sich grob einteilen in vorbereiten – schreiben – überarbeiten.
Überlege dir, welche Prozesse du bündeln und damit Zeit gewinnen kannst. Muss die Recherche wirklich so ausufernd sein, bevor du mit dem Schreiben beginnst? Ist sie dagegen zu lückenhaft, will sich kein richtiger Schreibfluss einstellen.
Nimm dir einen Kalender und teile deine Arbeitspakete auf die verbleibenden Tage auf. Rechne Pausen und Pufferzeit mit ein (nichts ist schöner, als ein paar Tage früher fertig zu sein) et voilà – das ist dein Schreibplan.
Zeitfresser und unproduktive Angewohnheiten erkennen
In jedem Arbeitsschritt lauern Zeitfresser. Lerne, zu unterscheiden, was wirklich wichtig ist, um den Entwurf zu schreiben. Formatierung, Layout, Formulierungen, Rechtschreibung und Grammatik – das sind Schritte, die warten können. Es sei denn, es verschafft dir mehr Ruhe beim Schreiben, wenn du den Text in der Datei bereits passend formatiert hast. Hast du einmal eine Formatvorlagen erstellt, sparst du dir diese Zeit zukünftig ein.
Ich verrate dir eine meiner unproduktiven Gewohnheiten: Ich gehe immer wieder zu dem zurück, was ich geschrieben habe. Oft fange ich von vorne an und lese mir alles durch – immer wieder. Wenn ich ehrlich bin, bringt es meinen Text nicht voran. Im Gegenteil: Ich bleibe stecken. Seitdem mir das klar ist, lese ich nur noch den letzten Satz, den ich geschrieben habe, und schreibe von dort aus assoziativ weiter. Um die Übergänge und Korrekturen kümmere ich mich am Schluss in der Überarbeitungsphase.
Klarheit vor dem Schreiben
Wer allzu kopflos drauflos schreibt, muss sich meist auf eine intensive Überarbeitung einstellen. Aber genau die Zeit hast du nicht. Bevor du also beginnst, dich um Kopf und Kragen zu schreiben, stell dir diese Fragen für Klarheit:
- Was will ich erzählen?
- Und dann: Wie will ich es erzählen?
Übergang in die Schreibphase
Du kannst noch so viel planen, plotten und recherchieren: Wenn du nichts schreibst, hast du keinen Text. Logisch, oder?
Jede*r Schreiber*in kommt auf einem anderen Weg zum Text. Beginne also mit dem, was du brauchst, um mit dem reinen Schreiben zu starten. Manche brauchen einen detaillierten Plan ihres Textes, anderen genügen Stichwörter, andere schreiben sich zu ihrem Plan.
Wieder andere brauchen vorab ein(e):
- Cluster
- Gliederung
- Szenenplan
- Moodboard oder Storyboard
- Stichwortsammlung
Sagt dir eines dieser Hilfsmittel zu, probiere es aus, um gut für die Schreibphase vorbereitet zu sein.
Bei Zeitdruck: Zügig den Entwurf schreiben
Schreibst du unter Zeitdruck, ist dein wichtigstes Ziel, auf den Entwurf zuzuschreiben. Auch wenn der erste Entwurf noch nicht perfekt ist (und es auch nicht sein soll), hast du etwas in der Hand, mit dem zu weiterarbeiten kannst.
Mithilfe deiner Vorarbeit, solltest du bereit sein, schnell und konzentriert zu schreiben. Versuche, ohne Unterbrechung zu schreiben und widerstehe der Versuchung, währenddessen zu korrigieren. Für den Feinschliff ist später noch Zeit.
Zeitmanagement: Viel in kurzer Zeit erledigen
Sicher hast du schon vom Parkinsonschen Gesetz gehört oder es selbst beobachtet: Es besagt, dass du genau so viel Zeit für eine Aufgabe benötigst, wie du Zeit zur Verfügung hast. Du kannst dieselbe Aufgabe mal an einen halben Tag – mal in zwei Stunden erledigen, je nachdem, wie viel Zeit du dafür reservierst. Denk daran, wenn du deine Arbeitspakete planst.
Fokussiert schreiben mit der Pomodoro-Technik
Bekannt und beliebt ist die Technik, die der Italiener Francesco Cirillo entwickelt und nach einer Küchenuhr in Tomatenform benannt hat: Pomodoro. Dabei arbeitest du fokussiert in kleinen Zeitabschnitten und legst bewusst Pausen ein, um produktiv zu bleiben.
So läuft Pomodoro ab:
- fasse die Aufgabe schriftlich in einem Satz zusammen
- stelle einen Timer auf 25 Minuten
- bearbeite die Aufgabe, bis die Zeit abgelaufen ist
- Fünf Minuten Pause
- Wiederhole die Schritte 2-4, nach vier Einheiten machst du eine längere Pause (15-20 Minuten)
Für Pausen ist immer Zeit
Ist der Zeitdruck noch so groß, hierfür muss immer Zeit sein: Pausen. Um zwischendurch etwas zu trinken, frische Luft hereinzulassen, aufzustehen und die Beine zu vertreten, zu essen, und ja, auch zur Toilette zu gehen. Damit verlierst du keine wertvolle Zeit. Du gewinnst viel mehr, wenn du dafür sorgst, dass es dir gut geht.
Die Uhr im Blick – den Druck im Nacken
Wenn du unter Druck stehst, wirst du die Uhr sowieso im Blick behalten. Schau aber nicht ständig drauf, denn das ist auch eine Form der Ablenkung. Es reißt dich jedes Mal aus der Arbeit heraus und erzeugt zusätzlich Druck.
Stell dir lieber einen Timer für deine Arbeitseinheiten, sodass du dir während des Schreibens nicht noch mehr Gedanken machen musst und so lange schreibst, bis der Signalton schrillt.
Bei all dem Zeitdruck: Vertrau in deine Fähigkeiten
Einen kühlen Kopf bewahrst du, wenn du in dich selbst und deine Fähigkeiten vertraust. Erinnere dich: Wann hast du zuletzt ähnliches unter Zeitdruck geschafft? Das kannst du wieder schaffen!
Ich kenne das Gefühl, dass ich nicht mit dem Schreiben anfangen will, weil ich glaube, dass meine Ideen oder meine Struktur nicht gut genug sein werden. Ich werde es nie herausfinden, wenn ich nicht beginne.
Ich habe gelernt, darauf zu vertrauen, dass mir Ideen beim Schreiben kommen, dass sich die Struktur beim Schreiben ergeben kann, dass kein Entwurf in Stein gemeißelt ist und dass ich erst recht nicht mit dem Anfang beginnen muss, sondern irgendwo im Text und ihn mir bis zum Schluss aufsparen kann.
Zum Schluss: Überarbeitung und der letzte Schliff
Mit dem Entwurf ist der Text natürlich noch nicht fertig. Überarbeite den Text in mehrere Durchgängen und arbeite dich von der Grob- zur Feinstruktur. Danach schaust du dir Sprache, Stil und Formalia an – und prüfst abschließend die Rechtschreibung und Zeichenseztung.
Fragen und Ideen für die Überarbeitung können sein:
- Lies den Text laut vor – kling er rund?
- Beziehen sich Anfang und Ende aufeinander?
- Ist die Abfolge der Ereignisse chronologisch / logisch / intuitiv?
- Sind die Übergänge flüssig?
- Ist die (Erzähl-)Perspektive stringent eingehalten?
- Klingt der Text nach dir / dem Erzähler bzw. die Aussagen nach deinen Figuren?
- Sind die sprachlichen Bilder stimmig und verständlich?
- Achte auf Wortwiederholung – sind sie bewusst gesetzt?
- An welchen Stellen musst du Satzanfang oder Satzbau variieren?
- Was kannst du streichen – und was gewinnt der Text dadurch?
Arbeitsprozesse verbessern, um Schreiben unter Zeitdruck vorzubeugen
Liegt die heiße Phase hinter dir und ist der Text abgegeben, solltest du deine Arbeitsweise unter die Lupe nehmen, um zukünftigen Zeitdruck vorzubeugen.
Die folgenden Aufgaben bedeuten zunächst mehr Arbeit und Zeit zum Ausprobieren, sparen dir am Ende aber viel Zeit:
- Entwickle eine Arbeitsroutine, die für dich funktioniert, und dich durch schwierige Schreibphasen bringt.
- Erstelle dir eine individuelle Checkliste, um deinen Entwurf routiniert zu überarbeiten.
- Wenn du noch keins hast, beginne ein Notizbuch zu führen, einen Ordner oder eine Sammlung für Ideen, Formulierungen und Sprachbilder. Schau immer dann bewusst hinein, wenn du Ideen brauchst und nicht weiter kommst. So entwickelt sich das Notizbuch zu einer verlässlichen Ressource, auf die du auch bei wenig Zeit vertrauen kannst.
Wie gehst du mit Zeitdruck um? Teile deine Erfahrungen gerne in den Kommentaren!
Ist nicht der Zeitdruck, sondern der innere Druck dein Problem? Dann lies hier in Teil eins, wie du mit deinem eigenen Erwartungsdruck beim Schreiben umgehst.
von Ann-Christin | 16. März 2019 | Impulse
Da ist diese Unruhe, wenn du schreibst. Wenn du im Text stecken bleibst und es im Gefühl hast: Das kann ich nicht. Das schaffe ich nicht. Der Text wird nicht so klingen, wie ich ihn mir ausgemalt habe. Das baut Druck beim Schreiben auf – dabei lässt es sich ohne viel leichter schreiben. Hier sind Ideen, wie du dich vom inneren Druck beim Schreiben befreist.
[separator type=“thin“] In Teil eins der Artikelserie Schreiben unter Druck zeige ich dir, wie du den Druck herausnimmst, der entsteht durch eigene Erwartungen, den inneren Kritiker, das Streben nach Perfektion und eigenen Zeitdruck. Im zweiten Artikel gibt es Strategien, um Texte unter Zeitdruck aufs Papier zu bringen, wenn ein Abgabetermin und eine Deadline anstehen. [separator type=“thin“]
Druck entsteht im Kopf: Erwartungen an den Text und an dich
Kennst du das? Du schreibst einen Text und stellst ihn dir bereits fertig vor: wie er sein soll, wie er wirken soll. Das übt ungemein Druck aus. Und entmutigt, wenn der Text aus dem Kopf auf dem Papier so gar nicht danach klingen will.
Denk nicht an Schritt zehn, wenn du den ersten noch nicht gegangen bist.
Verändere die Perspektive weg vom fertigen Text hin zum nächsten Schritt: überhaupt erst einmal etwas zu Papier zu bringen, einen Absatz zum Beispiel und dann den Entwurf. Der erste Entwurf ist nie perfekt – und soll es auch nicht sein. Er ist eine Basis für die weitere Überarbeitung. Mit jedem Durchgang näherst du dich deinem idealen Text immer weiter an.
Ein kleiner Trost: Deine Leser kennen die Kopfversion des Textes nicht und werden sie nie miteinander vergleichen können!
Freies Schreiben für mehr Klarheit und gegen den inneren KritikerFalls dich alle Versuche einschüchtern und du weder beginnen noch weiterschreiben kannst, bleibt dir in den meisten Fällen nur eine Wahl: trotzdem schreiben. Leicht und intuitiv wird es mit Freien Schreiben bzw. dem Free Writing.
Schreib am besten per Hand und ohne abzusetzen auf, was dir durch den Kopf geht. 10 Minuten lang.
Um deinen Unsicherheiten auf die Spur zu kommen, kannst du ein fokussiertes Free Writing schreiben, das unter einem Thema steht, zum Beispiel worum es im Text gehen soll, wie du dein Thema klarer herausarbeiten kannst, warum du dich gerade so schwer damit tust, wie die Handlung weitergehen soll. So entsteht eine grobe Skizze, wo du mit dem Text hin willst. Nutze sie als Ausgangspunkt.
Das Freie Schreiben ist außerdem eine tolle Übung gegen den inneren Kritiker. Über Free Writing gewöhnst du dir an, drauflos zuschreiben. Dabei schreibst du ohne zu korrigieren und bewerten. Wenn du beim Schreiben korrigierst, ist es, als würdest du dir selbst immer wieder ins Wort fallen.
Das mag niemand.
Es schießt deine Gedanken immer wieder aus der Bahn und du gerätst aus dem Schreibfluss. Korrigieren kannst du später immer noch. Schalte den Kritiker aus, der dir Worte nimmt, bevor du die Chance hast, sie auszusprechen und zu Ende zu denken.
Deine Handschrift und Notizen: Unvollendet und unperferktErlaube dir selbst, unvollendet und unperfekt zu schreiben. Nimm dir ein Beispiel an deiner Handschrift und deinem Notizbuch: Sie sind unregelmäßig, gefüllt mit Satzfragmenten, flüchtigen Notizen, vagen Gedanken. Und dennoch sind sie ein wahrer Schatz, wenn du nach Inspiration suchst.
Probiere aus, ob sich dein Druck verringert, wenn du den ersten Entwurf per Hand schreibst, statt am Computer, wo die Form und Schrift sehr an das fertige Buch erinnern.
Warum du nicht nach Perfektion streben kannstWoher weiß ein Autor, wann sein Text fertig ist? Oder der Künstler, wann kein Pinselstrich mehr fehlt? Er entscheidet irgendwann, dass sein Werk fertig ist – in dem Wissen, dass es nicht vollendet ist und mit dem Gefühl, dass es nur für den Moment fertig ist.
Jedes Werk ist unvollendet, denn an jedem Text und jedem Kunstwerk ließe sich immer wieder etwas verändern oder verbessern. Irgendwann kommt der Punkt, an dem du es so sein lässt, wie es ist. Die Kunst besteht darin, diesen Moment zu finden.
Ein Text ist nicht dann vollkommen, wenn man nichts mehr hinzufügen kann, sondern dann, wenn man nichts mehr weglassen kann.
Antoine de Saint-Exupery.
Nicht gut genug? – Lass dich nicht einschüchternSchon öfter habe ich den Satz gehört: „Dieses Buch hätte ich gerne selbst geschrieben!” Ich kann den Gedanken nachfühlen, doch weißt du was? Das geht nicht. Du kannst nicht die Geschichten eines anderen erzählen, sondern immer nur deine und das auf deine Weise.
Lass dich von fremden Texten nicht einschüchtern. Kein Text klingt wie der andere. Jede*r Autor*in bringt andere Voraussetzungen, Erfahrungen, Prioritäten und Ziele mit. Vergleichen ist zwecklos.
Mir hat es geholfen, mich an all den anderen Texten zu erfreuen und zu denken: „Dein Weg ist nicht mein Weg.” Nur weil andere in meinem Alter schon ihre ersten Werke veröffentlicht haben, heißt das noch lange nicht, dass ich es auch muss oder genauso vorhabe.
Lass dir Zeit, wenn du Zeit brauchst
Manchmal brauche ich wirklich sehr lange, bis ich die Kombination aus zum Beispiel fünf Wörtern gefunden habe, die mir die richtige scheint – sowohl für mich als auch für den Protagonisten der Geschichte.
Judith Hermann
So hat sich jeder über die Jahre seine Arbeitsweise angeeignet. Ich schreibe über mehrere Tage hinweg an einem Artikel für Federschrift. Natürlich schreibe ich nicht rund um die Uhr. Ich brauche die Abstände, die dazwischen liegen, um meine Gedanken und den Text zu sortieren. Für mich funktioniert es.
Wenn etwas für dich funktioniert und du es gerne auf diese Weise angehst, dann lass dir nicht einreden, dass es anders sein muss oder du etwas tun musst, um schneller voranzukommen. Für jeden von uns passt eine andere Arbeitsweise.
Mutmacher: Wie andere Autor*innen schreibenEs gibt unzählige Wege, um zum fertigen Text zu kommen. Leider bekommen wir selten einen Einblick in den Arbeitsprozess anderer Autor*innen, sondern lesen nur die fertigen Texte. Es ist falsch zu glauben, dass sie in einem Guss und ohne Zweifel entstanden sind.
Von manchen Autoren lassen sich Vorher-nachher-Versionen ihrer Texte finden, zum Beispiel in früheren Entwürfen, nachträglich überarbeitete Veröffentlichungen, in Arbeitsjournalen, Tagebüchern und Briefen. Vielleicht findest du solches Material von deinen Lieblingsautor*innen und Vorbildern.
Ist es nicht ermutigend, dass sie genauso zaudern und hadern und mitunter jahrelang an ihren Texten herumgewerkelt haben und ihre Erstlingswerke meist in der Schublade liegen geblieben sind? Mir nimmt das oft den Druck und motiviert mich, dran zu bleiben, weil es mir zeigt, dass es möglich ist, irgendwann die Texte zu vollenden, die den Weg zu ihren Lesern finden.
Nun interessiert mich: Wie gehst du mit innerem Druck beim Schreiben um?
[separator type=“thin“]Bei dir steht ein Abgabetermin an? In Teil zwei liest du, wie du trotz Termindruck Ruhe bewahrst und die Deadline einhältst.[separator type=“thin“]
von Ann-Christin | 14. Februar 2019 | Impulse
Loslassen tut weh – doch loslassen befreit. Bei Gegenständen kann es manchmal ungemein schwerfallen sie wegzugeben. Sich von Menschen, Gewohnheiten oder Vorstellungen von uns zu trennen – da wird das Herz noch schwerer und der Kopf blockiert.
Nicht weniger leicht ist es mit den Texten, die du geschrieben hast. Da gibt es diese Idee, diesen Roman, den du unbedingt noch schreiben willst. Da gibt es diese angefangenen Texte, die sich noch lange nicht richtig und fertig anfühlen, die du irgendwann noch verbessern wolltest. Oder bei denen du so gar nicht weißt, was du mit ihnen tun sollst. Ideen und Fragmente spuken in deinem Kopf umher. Und sie tun vor allem eins: Sie binden Energie und halten nur auf. Zeit, sie loszulassen.
Warum es so schwer ist, Geschichten loslassen
Mit jeder Idee und Geschichte, die du loslässt, geht auch ein Teil von dir. Das macht das loslassen ja so schwer. Du hast etwas investiert und den Text aus einem guten Grund begonnen. Die Idee hat dich lange begleitet, doch jetzt ist sie es nicht mehr. Trotzdem glaubst du, es dieser Idee schuldig zu sein und sie umzusetzen zu müssen.
Wenn sich der eigene Text fremd anfühlt
Mir ging es nicht anders. Es gibt eine Kurzgeschichte, die ich im Abstand von vielen Jahren immer wieder überarbeitet habe. Einige Stellen sind besser geworden, aber letztendlich ist sie ein Mosaik geworden, das nicht mehr harmoniert. Weil ich über eine lange Zeit nichts Neues geschrieben habe, habe ich diese Geschichte noch zu manchen Schreibtreffen mitgenommen.
Sie ist nicht besser geworden, ich habe sie komplett umgeschrieben, sie wurde zerredet und löst inzwischen nichts mehr aus, wenn ich sie lese. Sie ist mir fremd geworden – das ist nicht mehr meine Geschichte. Genauso ging es mir mit so manchen Geschichten, an denen ich immer weiter geschrieben habe, bis ich gemerkt habe, dass es gar nicht mein Thema ist oder etwas anderes mit ihnen nicht stimmte.
Jeder Text ist eine Übung für die Schreibpraxis
Ich habe diese Geschichten gehen lassen und lasse sie nun in ihrer Word-Datei ruhen. Sie haben ihren Zweck erfüllt: Sie haben mich weiter zum Schreiben ermutigt und gezeigt, dass ich mich weiterentwickelt habe.
Manchmal habe ich noch etwas in neue Texte mitnehmen können, eine Figur oder eine neue Idee, die sich aus dem Text entwickelt hat. Dasselbe gibt für Formulierungen, Sätze oder Metaphern, die ich in früheren Texten verwendet hat. Ich habe sie hin und wieder noch in neue Texte eingebaut.
Sieh es weder als aufgeben oder abbrechen noch als sprunghaft, wenn du einen Text loslässt, sondern so: Jeder Text ist gut, weil er der nächste Schritt war, der dich hierhingeführt hat, wo du nun stehst. In jedem deiner Texte stecken all die Erfahrungen, die du durch die Texte, die du zuvor gelesen oder geschrieben hast, sammeln konntest.
Loslassen gibt Raum und Fokus für neue Texte
Solange du deinen alten Texten nachhängst, wirst du kaum etwas Neues schreiben. Solange du nicht nach neuen Themen, Ideen und Formulierungen suchst, wird nichts Neues entstehen. Sobald du alte Texte loslässt, eröffnet sich dir Raum für neue Ideen und Texte.
Wenn du beginnst, das Schreiben als Prozess anzusehen, ist es okay, normal und wichtig Texte für die Schublade oder den Papierkorb schreiben. Sie alle sind Teil deines Wegs.
Wenn du loslässt, hast du zwei Hände frei.
Aus China
Kennst du auch das Gefühl und trägst alte Texte mit dir herum?
Wie gehst du mit solchen Texten um?